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Deutsch als Fremdsprache

 

Der folgende Artikel von Günther Stocker wurde in der Zeitschrift Literatur und Kritik von Juli 2025 veröffentlicht.

Wir danken dem Autor und dem Otto Müller Verlag Salzburg für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion des Textes auf den Literatur-Seiten des Café D@F.

Günther Stocker ist Professor für Neuere deutsche Literatur am Institut für Germanistik der Universität Wien.

 

Günther Stocker

WAS WAR REMIGRATION?

Literaturhistorische Konstellationen zu einem entwendeten Begriff



VOM FACHBEGRIFF ZUM UNWORT

»Remigration« wurde 2023 von einer aus vier Sprachwissenschaftler:innen und einer Journalistin bestehenden Jury zum »Unwort des Jahres« gewählt und fällt damit in eine Reihe mit »Corona-Diktatur« (2020), »Klimaterroristen« (2022) und »biodeutsch« (2024). Dabei war »Remigration« jahrzehntelang ein wissenschaftlicher Fachbegriff in Disziplinen von der Politikwissenschaft über die Geografie bis zur Literaturwissenschaft. Er bezeichnete Teilbereiche von Migrationsprozessen, »wenn Personen in ihr Herkunftsland zurückkehren, nachdem sie eine signifikante Zeit nicht im Land verbracht haben.«1 Grundsätzlich ist dabei zu unterscheiden, ob die Rückkehr freiwillig oder erzwungen erfolgt, was aber nicht immer scharf zu trennen ist. Ein erster Aufschwung der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Remigration erfolgte in den 1960er-Jahren, als man sich in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften für die Rückkehr von Arbeitskräften aus den USA in ihre Ursprungsländer zu interessieren begann, nach Italien, Puerto Rico oder Mexiko.

Ein analoges Phänomen im deutschsprachigen Raum betraf in den 1970er- und 1980er-Jahren als größte Abwanderungsgruppe vor allem türkische »Gastarbeiter:innen«, die in ihr Heimatland zurückkehrten.2 Was die (deutschsprachige) Literaturgeschichte betrifft, ist die Frage der Remigration insbesondere im Kontext von Vertreibung und Exil infolge der NS-Herrschaft von Bedeutung. Gemeint ist hier jedenfalls die freiwillige Rückkehr von vom Nationalsozialismus vertriebenen Juden und Jüdinnen, politisch Verfolgten und anderen Opfern des Nationalsozialismus. Und »Rückkehr« bedeutet in diesem Zusammenhang die Rückkehr in befriedete Länder, in denen Demokratie und Menschenrechten Geltung verschafft worden ist und ein wirtschaftlicher Aufbau abzusehen ist.

Heute ist bei »Remigration« von ganz anderem die Rede, denn der so eingängige Begriff ist in den letzten Jahren von rechtsextremen Gruppen und Parteien gekapert und radikal umgedeutet worden.

Die Extremismusforscher Jacob Davey und Julia Ebner vom Institute for Strategic Dialogue in London haben in einer umfassenden Erhebung des Online-Verhaltens zwischen April 2012 und April 2019 auf verschiedenen Plattformen über 540.000 Postings und Tweets in englischer, französischer und deutscher Sprache gefunden, die den Begriff »Remigration« verwenden. Aber »Remigration« meint hier die Forderung nach Zwangsdeportation von Migrant:innen mit dem Ziel, eine ethnisch oder kulturell homogene Gesellschaft zu schaffen, im Grunde eine Form der ethnischen Säuberung.3

Der größere ideologische Zusammenhang dieser sich seit den 2010er-Jahren verstärkenden konzertierten Kampagnen ist die These vom »Großen Austausch« des rechtsextremen französischen Philosophen und Schriftstellers Renaud Camus, der diesen Begriff in einem gleichnamigen Buch (2011) prägte und seine Ideen 2014 auf einer Tagung mit dem Titel »Jahrestagung zur Remigration« (Assises de la Remigration) präsentierte.

Von da an ist die Zahl der einschlägigen Postings und Tweets sprunghaft angestiegen. Für den deutschsprachigen Diskurs sind es insbesondere die Aktivitäten des österreichischen Sprechers der sogenannten »Identitären«, Martin Sellner, der in - zahlreichen Videos und Postings auf diversen Internet-Kanälen agitiert. Öffentliches Aufsehen erregte ein geheimes Treffen von Identitären, AfD-Politiker:innen und anderen Rechtsextremen am 25. November 2023 in einem Landhotel in Potsdam, bei dem Sellner seine Ideen einer erzwungenen Abschiebung von Menschen nach rassistischen Kriterien vortrug, wie die Rechercheplattform Correctiv aufdeckte. Die Forderung nach einer »millionenfachen Remigration« findet sich auch in Sellners im einschlägigen Antaios-Verlag veröffentlichten Buch Remigration: Ein Vorschlag. Unübersehbar hat dieser zum Euphemismus für Zwangsdeportationen umgedeutete Begriff auch in die Wahlkämpfe der AfD und der FPÖ Einzug gehalten, sodass man sich fragen muss, ob er überhaupt noch neutral verwendbar ist. Im öffentlichen Diskurs wohl kaum mehr, aber im wissenschaftlichen?

 

REMIGRATION IN DER LITERATURGESCHICHTE

Anlass genug jedenfalls, um an Remigration in der Literaturgeschichte zu erinnern, an paradigmatische Konstellationen des möglichen oder unmöglichen Endes des Exils von Autor:innen, die vor dem Nationalsozialismus fliehen mussten - nicht zuletzt auch um die Leistungen der Remigrationsforschung zu würdigen, die mit der landläufigen Umdeutung des Begriffs in ein schiefes Licht zu geraten droht. Unhintergehbar ist dabei, was der 1938 nach Belgien geflohene Jean Amery, der Gestapo-Folter und die Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen überlebt hat, 1966 in seinem Maßstäbe setzenden Essay Wieviel Heimat braucht der Mensch? formuliert hat: »Wer das Exil kennt, hat manche Lebensantworten erlernt, und noch mehr Lebensfragen. Zu den Antworten gehört die zunächst triviale Erkenntnis, daß es keine Rückkehr gibt, weil niemals der Wiedereintritt in einen Raum auch ein Wiedergewinn der verlorenen Zeit ist.«4

Aber selbst in den Raum, aus dem sie vertrieben wurden, kehrten nur die wenigsten zurück. Exakte Zahlen sind nicht zu haben, aber die Historikerin Marita Krauss schätzt, dass von den insgesamt 500.000 deutschsprachigen Emigrant:innen nur ca. 30.000 nach Deutschland, Österreich und in die Tschechoslowakei zurückkehrten, somit nur circa 6 Prozent.5 Für Österreich schätzt Helga Embacher, dass von 130.000 geflohenen Juden und Jüdinnen nur ca. 5.000 nach Österreich zurückkamen, also weniger als 4 Prozent.6 Und für kaum jemanden war es eine »Bilderbuch-Heimkehr«, wie sie der Autor und Literaturkritiker Hans Weigel für seine eilige Rückreise aus der Schweiz nach Österreich unmittelbar nach Kriegsende beschrieb - er blieb eine absolute Ausnahme.7

Das hängt vornehmlich damit zusammen, dass über 90 Prozent der Vertriebenen jüdischen Glaubens waren oder einen jüdischen Hintergrund hatten und das Wissen um den Holocaust ihren Blick auf das einstige Heimatland und vor allem auf die Menschen dort, die mit dem 8. Mai 1945 ja nicht plötzlich ausgetauscht worden waren oder ihren Antisemitismus abgelegt hatten, die zu Mördern, Unterstützern der Mörder oder Duldern der mörderischen Zustände geworden waren, ein für alle Mal verändert hatte. Amery bringt das in seiner ebenso hellsichtigen wie unversöhnlichen Analyse auf den Punkt, wenn er die Situation der Juden und Jüdinnen derjenigen der nach 1945 aus den Ostgebieten vertriebenen Deutschen entgegenstellt: »Sie verloren ihren Besitz, Haus und Hof, Geschäft, Vermögen oder auch nur einen bescheidenen Arbeitsplatz, dazu das Land, Wiesen und Hügel, einen Wald, eine Stadtsilhouette, die Kirche, in der man sie konfirmiert hatte. Wir verloren das alles auch, dazu aber noch die Menschen: den Kameraden von der Schulbank, den Nachbarn, den Lehrer. Die waren Denunzianten oder Schläger geworden, bestenfalls verlegene Abwarter.«8

 

I. Keine Rückkehr

Die Faschisierung der österreichischen Gesellschaft in den 1930er-Jahren und vor allem der sogenannte »Anschluss« an das nationalsozialistische Deutsche Reich im März 1938 führten, wie man weiß, zu einem enormen Kahlschlag in der literarischen Landschaft. Fast alle Autorinnen und Autoren, die heute Rang und Namen haben, wurden vertrieben - und kamen nicht mehr zurück. Um nur an die bekanntesten zu erinnern:

  • Joseph Roth stirbt am 27. Mai 1939 in Paris,
  • Stefan Zweig nimmt sich am 22. Februar 1942 in Petropolis, Brasilien, das Leben,
  • Robert Musil stirbt am 15. April 1942 im Alter von 61 Jahren krank und verarmt in Genf,
  • Hermann Broch stirbt am 30. Mai 1951 im Alter von 64 Jahren im Exil in den USA,
  • Hermynia zur Mühlen stirbt am 19. März 1951 im Norden von London,
  • Maria Lazar nimmt sich schwer erkrankt am 30. März 1948 in Stockholm das Leben

– und diese Liste ließe sich lange fortsetzen. Wer nicht schon vor Kriegsende verstorben war, musste für eine Rückkehr gute Gründe haben, für das Verbleiben im Exil hingegen nicht. Und Einladungen vonseiten des offiziellen Österreich gab es schon gar keine. Die vielzitierte Ausnahme bildete der kommunistische Wiener Stadtrat Viktor Matejka, der in Exilzeitschriften wie der Austro-American Tribune oder der argentinischen Nueva Austria sowie in zahlreichen Briefen Künstler:innen und Wissenschaftler:innen zur Rückkehr nach Österreich einlud.

 

II. Keine Rückkehr in den Literaturbetrieb

Nationalsozialismus und Exil bedeuteten aber nicht nur die Exklusion aus einem Land, sondern auch den Ausschluss aus institutionellen und sozialen Zusammenhängen, etwa aus dem Literaturbetrieb. In seinem autobiografischen »Bericht« mit dem ironischen Titel Ein leichtes Leben (1963) resümiert der österreichische Exilautor Robert Neumann, fünf Jahre nach seiner Übersiedlung von England in die Schweiz: »Sitzend in einem provisorischen Unterstand im Tessin - und kaum mehr ein englischer Schriftsteller – und in Deutschland ein Witzbold: Das war die vorläufige Bilanz meiner Existenz.«9 Was hat zu einer solch bitteren Bilanz eines 66-jährigen, einst sehr erfolgreichen und viel gelesenen Autors geführt, der sich als aus gleich zwei Literatursystemen herausgefallen wahrnimmt?

Neumann, dessen Tod sich heuer übrigens zum fünfzigsten Mal gejährt hat, war ein sowohl aus rassistischen wie aus politischen Motiven Vertriebener des NS-Regimes. Am 22. Mai 1897 in Wien als Sohn einer assimilierten jüdischen Familie geboren, die dem Austromarxismus nahestand, feierte er seinen literarischen Durchbruch mit zwei Bänden literarischer Parodien: 1927 erschien Mit fremden Federn, 1932 folgte Unter falscher Flagge. Von der Literaturkritik ebenso wie von Autorenkollegen wie Thomas Mann damals hoch gelobt, sind diese Parodien heute kaum mehr lesbar, da man die parodierten Autor:innen und deren Eigenheiten nicht mehr kennt. Der Völkische Beobachter bezeichnete Neumann als »jüdische Asphaltpflanze« und seine Parodien als »typisches Beispiel der Zersetzung«.10 Sie standen auf den schwarzen Listen der Nationalsozialisten und wurden verbrannt.

Als nach der Niederschlagung des Arbeiteraufstandes im Februar 1934 in Österreich die Austrofaschisten endgültig die Macht übernehmen, emigriert Neumann nach London, wo er während des Krieges Asyl findet. 1947 erhält er die britische Staatsbürgerschaft und wie so viele kehrt er nach Kriegsende nicht nach Österreich zurück. Zu unsicher ist, was das neue Deutschland, das neue Österreich werden wird, wie es sich mit dem Antisemitismus verhält, wie mit den Nationalsozialist:innen und ihren Sympathisant:innen verfahren wird. Als er dann Ende November 1958 zumindest auf den europäischen Kontinent zurückkehrt, lässt er sich bezeichnenderweise am Rand des deutschen Sprachgebiets nieder, in Locarno in der italienischen Schweiz – eine Entscheidung gegen Österreich und gegen Deutschland. In seinem Beitrag für Hermann Kestens Anthologie Ich lebe nicht in der Bundesrepublik, in der 35 Exilautoren erklären, weshalb sie nach Kriegsende nicht nach Deutschland zurückgekehrt sind, gibt Neumann seine Gründe dafür an, die mutatis mutandis auch für Österreich gelten. Erstens seien in der Bundesrepublik zu viele Nazi-Kriegsverbrecher auf freiem Fuß, viele davon in wichtigen Ämtern, als »Bollwerke gegen den Kommunismus«11, ein Produkt des Kalten Krieges. Und zweitens: »Wer ruft ihn zurück? Niemand! Die restaurative Rechte begreiflicherweise nicht: unter diesen Heimkehrern wären zu viele mit einem peinlicherweise guten Gedächtnis. Aber auch die sogenannte literarische Linke, also die Leute, die ihre Malaise gegenüber der Restauration an sich schon für eine Gesinnung halten und ihre Jugend für ein literarisches Prärogativ unter Nachsicht der Taxen – was sollten die, um Gottes willen, mit lebendigen Heimkehrern machen? Tote - das ginge noch. Aber lebendige?«12

Tatsächlich waren Exilautor:innen auch nach 1945 lange Zeit vom westdeutschen und österreichischen Literaturbetrieb ausgeschlossen. Der Verleger Berthold Spangenberg sprach von »einer Art Boykott«13 des deutschen Publikums gegenüber der Literatur der Vertriebenen. Der Buchwissenschaftler Ernst Fischer charakterisiert die Phase zwischen 1950 und 1968 als »Verleugnung des Exils«14. Wenig überraschend ist jedenfalls, dass die im Literaturbetrieb immer noch einflussreichen Nazi-Autor:innen und -journalist:innen, die Mitläufer:innen und die sogenannten »inneren Emigrant:innen« von den Rückkehrer:innen und ihrer Literatur nichts wissen wollten. Was Neumann aber viel härter traf, war die Tatsache, dass diese Ausgrenzung auch für den Neuanfang der westdeutschen Literatur galt, der mit Begriffen wie »Stunde null« und »Kahlschlag« von den jungen und nicht mehr ganz so jungen Autor:innen rund um die Gruppe 47 verkündet wurde. Hans Werner Richter und Alfred Andersch, die tonangebenden Stimmen, erklärten die Exilliteratur und die gesellschaftskritische Tradition der Zwischenkriegszeit als für die Gegenwart nicht anschlussfähig. Das war ein entscheidender Faktor für Neumanns Marginalisierung im Literaturbetrieb nach 1945 und eine bittere Erfahrung bei seinem Versuch, dort wieder Fuß zu fassen, gerade weil er sich diesen Autor:innen ästhetisch und politisch verbunden fühlte: »Es waren junge Menschen nach meinem Herzen; für das, was sie sich da an Gedankengut eroberten, hatte ich allerlei auf mich genommen, ein nicht immer ganz leichtes Leben lang, es stand in meinen Büchern, aber sie kannten die Bücher nicht. [...] Sie [machten] einen großen Strich […] gleich hinter ihren Fersen, quer durch die lebendige Welt, und verkündeten: Bei diesem Strich fängt es an; was vorher war, ist niemals gewesen;«15. Luzide beschreibt Neumann hier, was Klaus Briegleb später als den spezifischen antisemitischen Komplex der Gruppe 47 analysieren wird, eine Ausgrenzung, die Neumann als zweites Exil erlebt, »eine schwerere Emigration, da es eine Emigration nach Hause war.«16

Behindert wurde das Wiederankommen im deutschsprachigen Literaturbetrieb zudem dadurch, dass Autor:innen wie Neumann zwölf Jahre lang der Zugang zu den deutschsprachigen Leser:innen verwehrt war und ein großer Teil des Publikums sie gar nicht mehr kannte. Im Exil war es ihm als einem von wenigen Autor:innen gelungen, die Schreibsprache zu wechseln. Nachdem er in den ersten Jahren in England seine auf Deutsch verfassten Romane noch übersetzen ließ,17 begann er ab Ende der dreißiger Jahre selbst auf Englisch zu schreiben und allmählich im dortigen Literaturbetrieb wahrgenommen zu werden, wie zahlreiche positive Rezensionen zeigen. Bis 1952 schreibt er sechs Bücher auf Englisch. Das Erinnerungsbuch Mein altes Haus in Kent (1957) verfasst er noch parallel auf Deutsch und Englisch, danach schreibt er wieder ausschließlich auf Deutsch und verschwindet damit aus der englischen Literatur, ohne weitere Spuren zu hinterlassen. Seine Rückkehr in die deutschsprachige Literatur gelang nur mehr als aus der Zeit gefallene Reminiszenz an die Zwischenkriegszeit.

 

III. Rückkehr auf Raten

Die am 19. Oktober 1911 in Wien geborene Hilde Spiel stammte wie Neumann ebenfalls aus einer bürgerlichen Familie assimilierter Juden und war seit 1933 Mitglied der sozialdemokratischen Partei. Die Repressionen des austrofaschistischen Regimes und die Zunahme der politischen Gewalt, vor allem aber der Schock nach der Ermordung des Philosophen Moritz Schlick im Hauptgebäude der Universität Wien am 22. Juni 1936 veranlassten Spiel gemeinsam mit ihrem späteren Mann Peter de Mendelssohn nach London zu emigrieren. Beide bemühten sich engagiert und erfolgreich darum, in der englischen Publizistik Fuß zu fassen. Spiel arbeitete anfangs noch als Korrespondentin für Wiener und Prager Zeitungen, bald aber schon für die BBC und englische Zeitungen wie den renommierten New Statesman. Auch ihr gelang der Wechsel der Schreibsprache – für den Brotberuf des Journalismus ebenso wie für ihre literarischen Texte, etwa den Exilroman The Darkened Room (1961, dt. 1965: Lisas Zimmer).

Im Jänner 1946 kehrt Spiel als britische Staatsbürgerin und »War Correspondent« des New Statesman für einige Wochen in das vom Krieg zerstörte Wien zurück und führt währenddessen ein Tagebuch in englischer Sprache. Der darauf basierende Bericht mit dem Titel The Streets of Vineta wurde nie publiziert, doch sie veröffentlicht ihre damaligen Beobachtungen 1968 auf Deutsch unter dem Titel Rückkehr nach Wien. In dem ebenso subtilen wie analytisch präzisen Text verleiht sie ihrer schmerzlichen Entfremdung von ihrem »Ursprung« Ausdruck, aber auch ihrer Distanz gegenüber der larmoyanten und selbstgerechten Haltung eines Gros der österreichischen Bevölkerung nach dem verlorenen Krieg, einer Bevölkerung, die im März 1938 Adolf Hitler als Befreier zugejubelt hatte. Spiel notiert angesichts der Bombenschäden in Wien: »Das Bewußtsein, hier nicht mehr herzugehören, ist aus Schmerz und Befriedigung gemischt. Die Bomben, die diesen Häusern die Augen ausbliesen, haben nichts mit mir zu tun. Meine Bomben färbten an jenem achten September [1940; G. S.] den Himmel über der [Londoner; G. S.] City rot, als ich auf das Dach im Vorort stieg, um den feurigen Schein zu betrachten.«18

Paradigmatisch für den Hiatus zwischen den Erfahrungen der Exilierten und dem missgünstigen Blick, den die im Land Verbliebenen auf die Vertriebenen werfen, ist Spiels Begegnung mit dem einst so imposanten Kellner ihres Stammcafes, dem berühmten Literatencafe Herrenhof: Es »beginnt zu meinem Kummer eine Szene, wie sie mir in allen Einzelheiten von einem österreichischen Freund vorhergesagt wurde, der im Exil gestorben ist. [...] „Der Herr Doktor haben den Krieg im Ausland verbracht?“, würde der Kellner ihn auf jene höflich indirekte Weise fragen, die seit Maria Theresia im Schwange ist. „Das war aber gescheit vom Herrn Doktor. Da haben sich viel Unannehmlichkeit erspart. Wenn der Herr Doktor wüßten, was uns alles passiert ist. – Das Elend, das wir durchgemacht haben. Wie gut der Herr Doktor aussehen – wirklich eine Freud!“

Enteignung, Demütigung, Verhaftung und Todesgefahr, illegale Flucht über versperrte Grenzen, Jahre des Exils, ein feindlicher Ausländer in einem vom Krieg zerrütteten Land – all das würde zunichte werden, würde sich in Luft auflösen.«19 Diese hier sichtbar werdende Unterstellung, die Vertriebenen hätten es im Exil ohnehin bequem gehabt und würden gar nicht wissen, welches Leid die in Österreich bzw. Deutschland Verbliebenen erlitten hätten, wurde am dreistesten von einem deutschen »inneren Emigranten« formuliert. Anlässlich der Debatte um die mögliche Rückkehr von Thomas Mann aus dem US-Exil, schrieb der Autor Frank Thiess, dass die Exilierten »aus den Logen und Parterreplätzen des Auslands der deutschen Tragödie zugeschaut« hätten und nicht wissen würden, was »das verführte und leidende Volk« hierzulande zu tragen gehabt habe.20

Hilde Spiels Verhältnis zu ihrem Ursprungsland bleibt lange gespalten, ähnelt einer »Pendelbewegung« zwischen England und Österreich, wie sie feststellt. »Ich werde immer wieder und wieder erproben müssen, wo ich wahrhaft zu Hause bin.21 Nach zwei Jahren in Berlin von 1946 bis 1948, wo sie ihre Karriere als Theaterkritikerin beginnt, geht es zurück nach London. Immer wieder reist Spiel nach Österreich und sie beginnt auch wieder für renommierte deutschsprachige Zeitungen und Zeitschriften zu schreiben. Die Sommer verbringt sie in einem mittlerweile erworbenen Haus in St. Wolfgang im Salzkammergut, das temporär zu einem literarischen Salon mit illustren Gästen wie Heimito von Doderer, Berthold Viertel, Franz-Theodor Csokor, Leo Perutz und später Thomas Bernhard wurde. Erst 1963 kehrt sie, im Literaturbetrieb gut vernetzt und mit dem fixen Einkommen einer Kulturkorrespondentin der F.A.Z., endgültig nach Österreich zurück.

 

IV. Remigranten im Auftrag der Alliierten

Noch eine letzte Konstellation der literarischen Remigration soll genannt werden, nämlich die Rückkehr im Auftrag der Besatzungsmächte. Die Kulturpolitik der Alliierten in Österreich zielte – neben der Propagierung der eigenen ideologischen Systeme – auch auf die Entnazifizierung und den Neuaufbau des Literaturbetriebs, wobei in den ersten Jahren nach Kriegsende ein Elitenwechsel im Fokus stand. Eine besondere Rolle spielten dabei die wenigen aus dem Exil zurückkehrenden österreichischen Schriftsteller. Oft kamen sie freilich als Staatsbürger des Exillands und in der Uniform der alliierten Armeen, was ihre Aufgabe nicht leichter machte.22 Der Autor, Regisseur und Theaterleiter Ernst Lothar etwa trug den Titel eines »Theatre and Music Officer« der United States Forces Austria (USFA). Er hatte drei zentrale Aufgaben: »Entnazifizierung, Wiederaufbau des kulturellen Lebens in der US-Zone in Österreich sowie Verbreitung amerikanischer Theater- und Musikstücke«,23 die er von 1946 bis zu seiner Abberufung Ende Dezember 1947 mit wechselndem Erfolg zu erfüllen versuchte.

Der Dramatiker Franz Theodor Csokor kehrte im April 1946 »mit einem polnischen Paß und in der Uniform eines britischen Verbindungsoffiziers«24 aus dem italienischen Exil zurück, wo er für den alliierten Militärverband tätig war.25 Da für die Wiedererrichtung eines österreichischen P.E.N.-Zentrums Autor:innen mit einer »einwandfrei antifaschistische[n] Gesinnung«26 gesucht wurden, erschien der breit anerkannte Csokor als idealer Gründungspräsident. Den aufgeheizten, oft denunziatorischen Debatten des Kalten Krieges konnte er sich aber nicht entziehen. So führte Hans Weigel jahrelang eine publizistische Kampagne gegen den Vorstand des P.E.N., dem er vorwarf, von Kommunisten infiltriert zu sein, und gegen Csokor, den er beschuldigte, sich nicht deutlich genug vom Kommunismus abzugrenzen.

Ein anderer Protagonist des kulturellen Kalten Krieges in Österreich, Friedrich Torberg, kehrte erst im April 1951 als US-Staatsbürger nach Wien zurück. Er war in den Jahren 1952/53 unter dem umständlichen Titel »Consultant to the Officer of Public Affairs« des Foreign Service, Cultural Division für die Verbindung zwischen österreichischem Kulturleben und US-Behörden zuständig.27 Torberg agitierte in Artikeln, Vorträgen, offenen Briefen und Intrigen gegen all diejenigen, die sich seiner Ansicht nach nicht deutlich genug vom Kommunismus distanzierten. Besonders wirkmächtig wurde dieses Engagement dann in den Jahren 1954 bis 1966 durch seine Herausgeberschaft der Zeitschrift FORUM. Österreichische Monatsblätter für kulturelle Freiheit, die offiziell vom Congress for Cultural Freedom, verdeckt aber von der CIA finanziert wurde.

Vertriebene mit einer expliziten politischen Agenda kehrten nach dem Zweiten Weltkrieg tendenziell am wahrscheinlichsten und am frühesten zurück. Das trifft besonders auf Kommunisten wie Ernst Fischer und Hugo Huppert zu. Der Journalist, Autor und Politiker Fischer kam bereits im April 1945 aus dem Exil in der Sowjetunion nach Wien. Er war in der Folge Mitglied der provisorischen Regierung unter Karl Renner (bis Ende 1945), des Vorstands des österreichischen P.E.N.-Clubs (ausgeschlossen 1956) und des Zentralkomitees der KPÖ (ausgeschlossen 1969). Als Redakteur der Zeitschrift Österreichisches Tagebuch, als Verfasser von Essays und Propagandastücken sowie mit seinem politischen Netzwerk war Fischer eine einflussreiche Figur im linken Flügel des österreichischen Kulturlebens.

Der Lyriker und Übersetzer Hugo Huppert kam ebenfalls schon 1945 als sowjetischer Kulturoffizier nach Wien und beschreibt sich selbst als »naturgemäß und eigentlich [...] am frühesten heimgekehrte[r] österreichische[r] Schriftstelleremigrant [...], ein kämpferischer Patriot dieses Landes, der obendrein, als aktiver Kombattant, teilgehabt hatte an Österreichs und besonders Wiens Befreiung vom faschistischen Joch«.28 Er sei rasch »von allen Personen und Institutionen, mit denen ich „hierorts“ zu tun hatte, absolut anerkannt« worden und wirkte in verschiedenen Institutionen: »[S]chnell lud der aus anderen Wanderschaften und Exilen heimgekehrte Franz Theodor Czokor [sic!] mich zur Mitarbeit und Mitgliedschaft im wiederauflebenden Österreichischen PEN-Club ein«.29 1949 wurde er, immer noch sowjetischer Staatsbürger, in die UdSSR zurückkommandiert und kam dann erst wieder 1956 nach Österreich.

Bezüglich der politisch motivierten und von den Alliierten unterstützten Remigration lässt sich festhalten, dass die kulturpolitische Agenda der Besatzungsmächte für manche Autor:innen ein hilfreiches und ihren politischen Zielen dienliches Instrument sein konnte, das einigen von ihnen, zumindest für eine bestimmte Zeit, auch Einkommensmöglichkeiten verschafft hat. Allerdings darf der Einfluss der Remigrant:innen auf den österreichischen Literaturbetrieb nach 1945 nicht überschätzt werden, in der Summe überwogen die Kontinuitäten gegenüber dem Neuanfang.

 

SCHLUSS

Die dargestellten Fallbeispiele zeigen – ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit und in einem beschränkten gesellschaftlichen Sektor wie dem Literaturbetrieb –, welch komplexe Konstellationen, unterschiedliche Möglichkeiten und schwerwiegende Entscheidungen mit der Frage einer Rückkehr nach einer Vertreibung verbunden sein können, wenn diese überhaupt zur Debatte stand. Sie zeigen auch, dass der von rechtsextremen Gruppierungen entwendete Begriff der Remigration nicht zuletzt in der Literaturgeschichtsschreibung noch bis vor Kurzem ein höchst relevantes Forschungsfeld bezeichnet hat, in dem noch lange nicht alle Fragen geklärt sind. Es darf daher zur Debatte gestellt werden, ob man sich dieser Umdeutung einfach fügen soll. Und im Grunde liegt ja eine gewisse Perfidie darin, dass ein Begriff, der einmal Heimkehr aus der Vertreibung bedeutet hat, die sich ohnehin als sehr schwierig und oft unerwünscht erwies, just zu einem Schlagwort für Vertreibung verkehrt wurde – historisch ein Schlag ins Gesicht aller Remigrant:innen.

Und noch ein letzter Punkt: Dass sich die Frage der Remigration überhaupt stellt, setzt voraus, dass die Flucht vor der Verfolgung gelungen ist. Der interessanteste und vielversprechendste Autor des Roten Wien, der Lyriker, Dramatiker und Romancier Jura Soyfer, geboren 1912 in Charkow, heute Charkiw, in der Ukraine, wurde am 13. März 1938 beim Versuch, die Schweizer Grenze mit Skiern zu überqueren, festgenommen. Nach der Überstellung ins Polizeigefängnis Innsbruck wurde er ins Konzentrationslager Dachau deportiert, dann nach Buchenwald überstellt, wo er als Leichenträger ohne jede Schutzausrüstung arbeiten musste. Jura Soyfer starb dort am 16. Februar 1939 an einer Typhusinfektion. Wer nicht fliehen konnte, wer auf der Flucht verhaftet wurde, der kann auch nicht re-migrieren.

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1 Edda Currle: Theorieansätze zur Erklärung von Rückkehr und Remigration. In: Sozialwissenschaftlicher Fachinformationsdienst soFid, Migration und ethnische Minderheiten 2 (2006), 7-23, 8

2 Vgl. Currle, Theorieansätze, 9

3 Julia Ebner/Jacob Davey: The »Great Replacement«. The Violent Consequences of Mainstreamed Extremism. ISD 2019, https://www.isdglobal.org/wp-content/uploads/2019/07/The-Great-Replacement-The-Violent-Consequences-of-Mainstreamed-Extremism-by-ISD.pdf, 6 [25.4.2025]

4 Jean Amery: Wieviel Heimat braucht der Mensch? In: ders.: Werke. Hg. von Irene Heidelberger-Leonard. Band 2: Jenseits von Schuld und Sühne. Unmeisterliche Wanderjahre. Örtlichkeiten. Stuttgart 2002, 86-117, 87

5 Marita Krauss: Heimkehr in ein fremdes Land. Geschichte der Remigration nach 1945. München 2001, 9

6 Helga Embacher: Neubeginn ohne Illusionen. Juden in Österreich nach 1945. Wien 1995, 112

7 Hans Weigel: Eine Bilderbuch-Heimkehr. In: Gerhard Amanshauser/Jochen Jung (Hg.): Vom Reich zu Österreich. Kriegsende und Nachkriegszeit erinnert von Augen- und Ohrenzeugen. Salzburg 1983, 60-66

8 Amery, Heimat, 88

9 Robert Neumann: Ein leichtes Leben. Bericht über mich selbst und Zeitgenossen. Wien u. a. 1963, 488

10 Ebd., 30

11 Robert Neumann: o. T. In: Hermann Kesten (Hg.): Ich lebe nicht in der Bundesrepublik. München 1964, 126-127, 127

12 Ebd.

13 Zitiert nach Georg Bollenbeck: Restaurationsdiskurse und die Remigranten. Zur kulturellen Lage im westlichen Nachkriegs­deutschland. In: Irmela von der Lühe, Claus-Dieter Krohn (Hg.): Fremdes Heimatland. Remigration und literarisches Leben nach 1945. Göttingen 2005, 17-38, 25.

14 Ernst Fischer: »... kaum ein Verlag, der nicht auf der Wiederentdeckungswelle der Verschollenen mitreitet.« Zur Reintegration der Exilliteratur in den deutschen Buchmarkt nach 1945. In: Irmela von der Lühe, Claus-Dieter Krohn (Hg.), Fremdes Heimatland, 71-92, 78ff.

15 Neumann, Ein leichtes Leben, 504

16 Ebd., 505

17 Etwa seinen eindrucksvollen Diaspora-Roman An den Wassern von Babylon, der unter dem Titel By the Waters of Babylon 1939 in London (bei Dent) und 1940 in New York (bei Simon & Schuster) erscheint, übersetzt von Anthony Dent. Soeben auf Deutsch neu aufgelegt im Jung & Jung Verlag

18 Hilde Spiel: Rückkehr nach Wien. Ein Tagebuch [1968]. Wien 2009, 24

19 Spiel, Rückkehr, 73f.

20 Alle Zitate in Johannes F. G. Grosser (Hg.): Die große Kontroverse. Ein Briefwechsel um Deutschland. Hamburg 1963

21 Spiel, Rückkehr, 135

22 Vgl. Oliver Rathkolb: Ernst Lothar - Rückkehr in eine konstruierte Vergangenheit. Kulturpolitik in Österreich nach 1945. In: Jörg Thunecke (Hg.): Echo des Exils. Das Werk emigrierter österreichischer Schriftsteller nach 1945, Wuppertal 2006, 279-295, hier 281

23 Ebd., 288

24 Klaus Amann: P.E.N. Politik. Emigration. Nationalsozialismus. Ein österreichischer Schriftstellerclub. Wien/Köln/Graz 1984, 81

25 Vgl. Siglinde Bolbecher, Konstantin Kaiser: Lexikon der österreichischen Exilliteratur, Wien/München 2000, 146

26 Brief von Robert Neumann an Walter Hollitscher, 23.1.1946, in: Robert Neumann: Mit eigener Feder. Aufsätze, Briefe, Nachlassmaterialien, Innsbruck/Wien/Bozen 2013, 605

27 Vgl. David Axmann: Chronik Friedrich Torberg, in: Marcel Atze, Marcus G. Patka (Hg.): Die »Gefahren der Vielseitigkeit«. Friedrich Torberg 1908-1979, Wien 2008, 222-239, hier 232

28 Hugo Huppert: Einmal Moskau und zurück. Stationen meines Lebens. Autobiographie, Wien 1987, 393

29 Ebd., 378f.

 

Impressum  Letzte Änderung:  So., 28. Dez. 2025

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